„Mama mit Migräne - lass uns endlich darüber reden“

Warum wir als Mütter mit Migräne viel öfter über unseren Alltag sprechen sollten und warum es trotzdem so schwer ist, andere Betroffene zu finden
„Wie geht’s dir? - „Gut.“
Manchmal ist das die einfachste Antwort, obwohl sie eigentlich überhaupt nicht stimmt.
Denn vielleicht hast du gerade schon beim Aufstehen gemerkt, dass sich eine Migräne ankündigt. Du kennst dieses Ziehen im Nacken, den Druck hinter den Augen oder dieses Gefühl, dass dein Kopf irgendwie anders ist als sonst. Vielleicht weißt du nach Jahren mit Migräne schon ganz genau, was als Nächstes kommt.
Und trotzdem beginnt der Tag ganz normal.
Dein Kind möchte frühstücken. Die Brotdose muss gepackt werden. Jemand muss zur Kita gebracht werden. Vielleicht steht ein Arzttermin an oder du hast dich mit einer Freundin auf dem Spielplatz verabredet.
Deine Migräne interessiert das alles nicht.
Und genau hier beginnt ein Teil der Realität, über den wir als Mütter mit Migräne meiner Meinung nach viel häufiger sprechen sollten.
Denn Migräne ist nicht nur eine Erkrankung, die in regelmäßigen Abständen Schmerzen verursacht. Sie kann den gesamten Familienalltag beeinflussen – und zwar auch dann, wenn gerade gar keine Attacke stattfindet.
Migräne als Mutter betrifft mehr als nur den Moment der Attacke
Wer selbst Migräne kennt, weiß, dass eine Attacke nicht einfach nur „Kopfschmerzen“ bedeutet. Je nach Verlauf können starke Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit oder weitere neurologische Symptome dazukommen. Für manche Betroffene bedeutet das, dass sie während einer Attacke kaum in der Lage sind, ihren normalen Alltag aufrechtzuerhalten.
Als Mutter ist das besonders schwierig.
Denn während eine andere Person sich bei einer starken Migräne vielleicht für einige Stunden zurückziehen und in einem abgedunkelten Zimmer liegen kann, läuft der Familienalltag häufig weiter. Ein kleines Kind versteht nicht unbedingt, warum Mama heute nicht spielen kann. Ein Baby kann nicht darauf warten, dass die Attacke vorbei ist, bevor es Hunger bekommt. Und auch ältere Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Essen, Begleitung und Nähe.
Natürlich gibt es Familien, in denen der Partner, die Partnerin, Großeltern oder andere Menschen unterstützen können. Aber auch dann bleibt häufig die Sorge im Hintergrund: Was passiert, wenn ich ausfalle?
Diese Verantwortung kann dazu führen, dass Mütter ihre eigenen Grenzen immer wieder überschreiten. Sie stehen trotz Migräne auf, erledigen das Nötigste und versuchen, den Tag irgendwie zu überstehen.
Und vielleicht erzählen sie später niemandem davon.
Nicht einmal den Menschen, die ihnen eigentlich nahestehen.
Warum viele Mütter mit Migräne ihre Erkrankung lieber für sich behalten
Dass so wenig über diese Realität gesprochen wird, hat meiner Meinung nach verschiedene Gründe.
Migräne ist zunächst einmal eine sehr persönliche Erkrankung. Nicht jeder möchte im Detail erzählen, wie häufig Attacken auftreten, welche Symptome dazugehören oder wie stark der Alltag dadurch eingeschränkt wird.
Dazu kommt, dass Migräne von außen häufig nicht sichtbar ist.
Wenn du mit deinem Kind auf dem Spielplatz stehst, sieht niemand, ob du dich gerade eigentlich nur noch nach Ruhe sehnst. Wenn du dein Kind aus der Kita abholst, sieht niemand, wie viel Kraft dich dieser Weg gerade kostet. Und wenn du eine Verabredung absagst, sieht die andere Person möglicherweise nur die Absage – nicht die Stunden davor, in denen du versucht hast herauszufinden, ob du es vielleicht doch schaffen kannst.
Gerade als Mutter kann daraus schnell ein innerer Druck entstehen.
Man möchte zuverlässig sein. Man möchte für die eigenen Kinder da sein. Man möchte nicht ständig erklären müssen, warum etwas heute nicht funktioniert.
Und so gewöhnt man sich möglicherweise daran, die Migräne möglichst wenig Raum einnehmen zu lassen.
Man spricht nicht darüber, wenn es nicht unbedingt nötig ist.
Man sagt eine Verabredung ab, ohne wirklich zu erzählen, wie schlecht es einem geht.
Man versucht, den Alltag nach außen möglichst normal aussehen zu lassen.
Das kann kurzfristig einfacher sein. Langfristig führt es aber dazu, dass die eigene Realität für andere unsichtbar bleibt.
Das macht es schwer, andere Mütter mit Migräne zu finden
Und genau an diesem Punkt entsteht ein ziemlich großes Problem.
Denn viele Mütter mit Migräne wünschen sich Austausch, wissen aber gar nicht, wo sie andere Mütter mit Migräne finden sollen.
Vielleicht kennst du in deinem Freundeskreis keine einzige Frau, die ebenfalls Migräne hat. Vielleicht bist du die einzige Mutter in deinem Umfeld, die regelmäßig mit Attacken zu kämpfen hat.
Aber weißt du tatsächlich, ob das so ist?
Migräne ist keine Erkrankung, die man einem Menschen ansieht. Und weil sie gleichzeitig so persönlich ist, wird sie in neuen Bekanntschaften normalerweise nicht als Erstes zum Gesprächsthema.
Wenn du eine andere Mutter in der Kita kennenlernst, sprichst du vielleicht über eure Kinder, die Arbeit, das Wetter oder den nächsten Kindergeburtstag. Du fragst sie aber wahrscheinlich nicht direkt, ob sie chronische Schmerzen hat oder regelmäßig Migräneattacken erlebt.
Vielleicht würde sie dir sogar irgendwann erzählen, dass sie Migräne hat – aber vielleicht auch nicht.
Und so können zwei Frauen, die im Grunde eine sehr ähnliche Erfahrung machen, lange nebeneinander existieren, ohne voneinander zu wissen.
Das finde ich besonders schade, weil gerade der Austausch zwischen Betroffenen unglaublich wertvoll sein kann.
Denn manchmal braucht man keine weitere Erklärung, sondern jemanden, der es versteht
Natürlich gibt es medizinische Informationen über Migräne. Es gibt Ratgeber, Arztgespräche, Fachartikel und zahlreiche Empfehlungen dazu, was bei Migräne helfen kann.
Aber etwas anderes lässt sich dadurch nicht ersetzen: die Erfahrung einer anderen Betroffenen.
Eine andere Mutter kann vielleicht erzählen, wie sie mit ihren Kindern umgeht, wenn eine Attacke kommt. Sie kann berichten, welche Unterstützung sie sich von ihrem Partner wünscht oder wie sie ihren Kindern erklärt, dass Mama gerade Ruhe braucht.
Sie kann erzählen, wie sie mit abgesagten Plänen umgeht oder wie sie sich fühlt, wenn sie wegen einer Attacke einen wichtigen Familientermin verpasst.
Das sind keine medizinischen Antworten.
Aber es sind Antworten auf Fragen, die im Alltag mindestens genauso wichtig sein können.
Denn als Mutter mit Migräne fragst du dich vielleicht nicht nur:
„Was passiert gerade in meinem Körper?“
Du fragst dich auch:
„Wie soll ich das mit meinen Kindern schaffen?“
„Wie kann ich meinem Kind erklären, warum Mama heute nicht kann?“
„Was mache ich, wenn ich alleine mit den Kindern bin und eine Attacke bekomme?“
„Wie gehe ich damit um, dass ich schon wieder etwas absagen musste?“
Und genau auf solche Fragen findet man im Internet häufig erstaunlich wenige persönliche Erfahrungen.
Austausch kann dabei helfen, die eigene Realität besser einzuordnen
Der Austausch mit anderen Müttern mit Migräne bedeutet dabei nicht, dass alle dieselben Erfahrungen machen müssen. Migräne verläuft bei jeder Frau unterschiedlich, und auch der Familienalltag kann ganz verschieden aussehen. Die eine Mutter hat ein Baby, die andere mehrere Kinder, die eine kann auf Unterstützung zurückgreifen, während die andere vieles alleine auffangen muss.
Gerade deshalb kann es so wertvoll sein, unterschiedliche Erfahrungen kennenzulernen. Vielleicht erzählt eine andere Mutter von einer Situation, die du selbst nur zu gut kennst. Vielleicht bekommst du eine Idee, die deinen Alltag ein kleines bisschen leichter macht. Oder du stellst einfach fest, dass bestimmte Gedanken und Sorgen, die du bisher nur mit dir selbst ausgemacht hast, auch andere Mütter kennen.
Und manchmal braucht es dafür gar keine große Lösung.
Manchmal reicht schon jemand, der sagt:
„Ich kenne das. Bei mir ist es genauso.“
Denn genau dieses Gefühl, verstanden zu werden und mit der eigenen Realität nicht allein zu sein, kann unglaublich wertvoll sein.
Wir müssen nicht darauf warten, dass andere anfangen
Ich glaube deshalb, dass wir als Mütter mit Migräne selbst einen Teil dazu beitragen können, dass diese Erkrankung sichtbarer wird.
Das bedeutet nicht, dass jede Frau ihre persönliche Krankheitsgeschichte öffentlich machen muss. Jeder darf selbst entscheiden, wie viel er von sich erzählen möchte.
Aber vielleicht können wir im Kleinen anfangen.
Indem wir einer Freundin erzählen, dass wir Migräne haben. Indem wir nicht nur sagen, dass wir eine Verabredung absagen müssen, sondern vielleicht auch einmal ehrlich sagen: „Ich habe gerade eine Migräneattacke und schaffe es heute nicht.“
Denn vielleicht sitzt genau neben uns eine andere Mutter, die dasselbe erlebt und bisher genauso wenig darüber gesprochen hat.
Und vielleicht beginnt genau hier der Austausch, nach dem sich so viele von uns eigentlich sehnen.
Noch mehr zum Leben mit Migräne als Mama
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, findest du auf Mama mit Migräne noch viele weitere Beiträge rund um das Leben mit Migräne als Mutter, von alltäglichen Herausforderungen und dem Umgang mit Migräne im Familienalltag bis hin zu Schwangerschaft, Wochenbett und persönlichen Erfahrungen.
Vielleicht findest du dabei genau den Gedanken, die Erfahrung oder den Tipp, nach dem du gerade gesucht hast. Und vielleicht merkst du beim Lesen auch immer wieder: Mit deiner Migräne bist du nicht allein.
Stöbere gerne weiter durch den Blog und entdecke weitere Beiträge rund um Migräne, Muttersein und den ganz normalen Familienalltag mit Migräne.




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